{"id":1092,"date":"2024-02-05T10:11:00","date_gmt":"2024-02-05T10:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/captainsupport.net\/?p=1092"},"modified":"2024-04-08T09:45:23","modified_gmt":"2024-04-08T09:45:23","slug":"die-uberlebenden-von-pylos-und-ihre-forderung-nach-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/captainsupport.net\/freepylos9\/die-uberlebenden-von-pylos-und-ihre-forderung-nach-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Die \u00dcberlebenden von Pylos und ihre Forderung nach Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Am 14. Juni ereignete sich eines der t\u00f6dlichsten Schiffsungl\u00fccke im Mittelmeer. Die griechische K\u00fcstenwache soll ma\u00dfgeblich dazu beigetragen haben. Mehrere Organisationen haben Klage erhoben. Eirini Gaitanou und Eleni Velivasaki berichten im Gespr\u00e4ch \u00fcber den aktuellen Stand der Ermittlungen und die Situation der \u00dcberlebenden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2024\/02\/05\/klaeger-im-gespraech-die-ueberlebenden-pylos-forderung-gerechtigkeit\/\">*Wiederver\u00f6ffentlicht von MiGAZIN<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 14. Juni 2023 ereignete sich vor der K\u00fcste von Pylos eines der t\u00f6dlichsten Schiffsungl\u00fccke im Mittelmeer. Berichte von \u00dcberlebenden weisen darauf hin, dass die griechische K\u00fcstenwache&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2023\/06\/25\/boot-kentern-zeugen-bootsunglueck-kuestenwache\/\">ma\u00dfgeblich zum Kentern des Schiffs beigetragen<\/a>&nbsp;hat. Eirini Gaitanou und Eleni Velivasaki vom Refugee Support Aegean (RSA) haben nach dem Schiffsbruch \u00dcberlebende in ihrem Asylprozess vertreten und nun gemeinsam mit anderen Organisationen Klage gegen die griechische K\u00fcstenwache eingereicht. Im MiGAZIN-Gespr\u00e4ch erkl\u00e4ren sie die Situation der Geretteten, der Hinterbliebenen, ihre Forderungen und Hoffnung sowie den Stand der Ermittlungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eirini Gaitanou<\/strong><strong>:<\/strong>&nbsp;Am 14. Juni fand ein&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2023\/06\/15\/bootsunglueck-mittelmeer-hat-griechenland-tod\/\">tragisches Schiffsungl\u00fcck statt, eines der t\u00f6dlichsten<\/a>, wahrscheinlich sogar das t\u00f6dlichste, das wir bisher erlebt haben. Was wir wissen, ist, dass das Fischerboot Adriana etwa 750 Menschen an Bord hatte. Es kenterte am fr\u00fchen Morgen des 14. Juni. Die Menschen auf dem Boot hatten Alarmphone benachrichtigt, eine NGO, die Anrufe entgegennimmt, wenn sich Menschen in Seenot befinden. Gleichzeitig wurde auch Frontex informiert. Wir wissen also, dass die Beh\u00f6rden etwa 15 Stunden vor dem Ungl\u00fcck benachrichtigt wurden. Anstatt sofort eine Rettungsoperation zu starten, baten sie jedoch nur nahegelegene Handelsschiffe, ihnen Vorr\u00e4te zu liefern. Es wurde also keine Rettungsoperation von den Beh\u00f6rden initiiert, wie es in einem solchen Fall eigentlich vorhergesehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse rund um dieses Ungl\u00fcck sind&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2023\/07\/26\/eu-ombudsfrau-rolle-frontex-bootsunglueck\/\">von Widerspr\u00fcchen gepr\u00e4gt<\/a>&nbsp;und durch extreme Verz\u00f6gerungen gekennzeichnet, umso mehr, da die Beh\u00f6rden Zeit und Kapazit\u00e4t hatten, einzugreifen, und die Wetterbedingungen \u00e4u\u00dferst g\u00fcnstig waren. Das Ungl\u00fcck endete schlie\u00dflich damit, dass die meisten Passagiere tot oder vermisst waren, was zum jetzigen Zeitpunkt nat\u00fcrlich bedeutet, dass sie tot sind. Nur 104 Menschen von 750 wurden gerettet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>MiGAZIN: Was ist mit den 104 \u00dcberlebenden nach ihrer Rettung passiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eDen \u00dcberlebenden wurde der Kontakt zu Menschen von au\u00dferhalb verwehrt, einschlie\u00dflich ihrer Familien.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Eirini Gaitanou<\/strong><strong>:<\/strong>&nbsp;Nach der Rettung wurden sie zwei Tage lang rechtswidrig in einem Lagerhaus in Kalamata festgehalten. Die Menschen hatten gerade erst ein Schiffsungl\u00fcck \u00fcberlebt. Einige von ihnen hatten ihre Angeh\u00f6rigen im Meer verloren oder mussten dabei zusehen, wie andere Passagiere des Bootes ertranken. Die \u00dcberlebenden befanden sich also in einer extrem prek\u00e4ren Lage. Dennoch wurden sie enorm schlecht behandelt. Sie hatten keinen Zugang zu lebensnotwendigen Dingen. Wir haben Fotos von ihnen gesehen, auf denen sie halbnackt und ohne Schuhe waren. Den \u00dcberlebenden wurde der Kontakt zu Menschen von au\u00dferhalb verwehrt, einschlie\u00dflich ihrer Familien. Es gibt ein Bild von einem Mann, dessen Bruder nach Malakasa gekommen ist, um nach ihm zu suchen. Sie konnten sich aber nur abgetrennt durch ein Stahlgitter begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sie in der Lagerhalle untergebracht wurden, wurden sie in das Aufnahme- und Identifikationszentrum (RIC) Malakasa \u00fcberf\u00fchrt. Es handelt sich dabei um ein Lager weit weg von Athen oder anderer st\u00e4dtischen Infrastruktur. In diesem Camp sind die Menschen inhaftiert, dort werden Anmelde- und Identifikationsverfahren durchgef\u00fchrt sowie Asylantr\u00e4ge entgegengenommen. Dieser Prozess dauert normalerweise bis zu 25 Tage. Doch auch nach der Registrierung ihrer Asylantr\u00e4ge mussten die \u00dcberlebenden im Camp bleiben. Ihre Ein- und Ausg\u00e4nge wurden st\u00e4ndig kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beh\u00f6rden setzten die \u00dcberlebenden besonders schnellen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/tag\/asylverfahren\/\">Asylverfahren<\/a>&nbsp;aus, trotz ihrer speziellen Situation, ohne ihnen angemessene psychosoziale Unterst\u00fctzung zukommen zu lassen. Sie bekamen nicht die Zeit, um psychisch \u00fcberhaupt erst wieder in der Lage zu sein, \u00fcber ihr Asylgesuch zu sprechen. Auch die Gespr\u00e4che selbst wurden unter \u00e4u\u00dferst problematischen Bedingungen gef\u00fchrt: ohne physische Anwesenheit von Sachbearbeitern oder Dolmetschern, ohne Schallschutz in Containern. Bei dem Gespr\u00e4ch m\u00fcssen die Fluchtgr\u00fcnde dargelegt werden. Was auch immer gesagt wird, es hat Konsequenzen auf das Asylverfahren. Einige Menschen mussten das Gespr\u00e4ch innerhalb von drei Tagen nach dem Ungl\u00fcck f\u00fchren. Sie waren weiterhin unter Schock und hatten zuvor weder Vorbereitung noch rechtliche oder psychologische Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben dies auch den Beh\u00f6rden mitgeteilt und um Verschiebung der Gespr\u00e4che gebeten. Aber die Beh\u00f6rden haben darauf nicht reagiert und sie trotzdem durchgef\u00fchrt. Dies ist ein Verfahrensversto\u00df, wie sie von der griechischen und europ\u00e4ischen Gesetzgebung in Bezug auf vulnerable Menschen vorgesehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wissen Sie \u00fcber den jetzigen Aufenthaltsstatus der \u00dcberlebenden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki<\/strong>: Es handelt es sich um eine gro\u00dfe Anzahl von Menschen, deren rechtliche Situation sehr unterschiedlich ist. Einige von ihnen hatten Familien in Europa. In diesem Fall wurden Dublin-Verfahren f\u00fcr eine Familienzusammenf\u00fchrung eingeleitet. Das war eine gro\u00dfe Erleichterung f\u00fcr die Menschen, die noch unter dem Trauma des Schiffbruchs sowie den widrigen Bedingungen des Asylverfahrens in Griechenland litten. Einige der \u00dcberlebenden befinden sich immer noch im Asylverfahren. Diese sind immer noch im Camp Malakasa. Und einige der Asylantr\u00e4ge von \u00dcberlebenden wurden bereits abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neun \u00dcberlebende wurden im Anschluss beschuldigt, \u201eSchlepper\u201c zu sein. Haben Sie Kontakt zu ihnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eOft werden Fl\u00fcchtende wegen \u201aBeteiligung am Transfer anderer Passagiere\u2018 beschuldigt, obwohl sie selbst einfache Passagiere auf den Booten sind.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki<\/strong>: Wir als RSA vertreten nicht den Fall der neun Beschuldigten. Aber wie wir aus unserer fr\u00fcheren Arbeit wissen, ist das ein riesiges Problem.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2018\/06\/13\/taeter-helfer-angeklagter-schleuser-prozess\/\">Oft werden Fl\u00fcchtende wegen \u201eBeteiligung am Transfer anderer Passagiere\u201c beschuldigt<\/a>, obwohl sie selbst einfache Passagiere auf den Booten sind. Vor den griechischen Gerichten sind viele weitere solche Verfahren anh\u00e4ngig. Einige Angeklagte wurden bereits f\u00fcr unschuldig befunden. Es gibt jedoch auch F\u00e4lle, in denen die Menschen zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind. Betroffene werden in diesen F\u00e4llen f\u00fcr den Transfer jedes einzelnen Passagiers auf dem Boot verurteilt. Das summiert sich oft zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen. Die Begr\u00fcndung dieser Urteile ist sehr d\u00fcnn. Dennoch sitzen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2021\/11\/16\/oxfam-beklagt-inhaftierung-gefluechteter-in-griechenland\/\">viele Gefl\u00fcchtete in griechischen Gef\u00e4ngnissen<\/a>, darunter auch Minderj\u00e4hrige.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sahen die staatlichen Ermittlungen zum Ungl\u00fcck aus, bevor Sie Strafanzeige erstattet haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki<\/strong>: Es gibt verschiedene Ermittlungsverfahren. Eine Untersuchung der Staatsanwalt des Marinegerichts von Pir\u00e4us und einen separaten Strafprozess, der gegen die neun Beschuldigten l\u00e4uft. Und schlie\u00dflich haben wir Strafanzeige eingereicht, die dann Teil der Ermittlungen wurde. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir die Strafanzeige eingereicht haben, wurden die \u00dcberlebenden des Schiffsungl\u00fccks, die Zeugen, nicht einmal geh\u00f6rt. Erst nach unserer Strafanzeige wurden das gemacht. Diese Verz\u00f6gerung war aber gravierend, weil einige \u00dcberlebende nicht mehr in Griechenland waren und es schwieriger wurde, sie anzuh\u00f6ren. F\u00fcr die Ermittlungen w\u00e4re dies sehr wichtig gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch die Handys der involvierten K\u00fcstenwache wurden erst im September, zweieinhalb Monate nach dem Ungl\u00fcck, beschlagnahmt, richtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Ja, genau, am 30. September. Es gab au\u00dferdem Probleme mit den Handys der \u00dcberlebenden. Sie haben nach dem Ungl\u00fcck berichtet, dass ihnen die Handys abgenommen worden sind. Die griechische K\u00fcstenwache streitet das ab. Nach mehr als einem Monat, also Ende Juli, wurde auf einer anderen Insel namens Kythira eine Tasche mit diesen Handys gefunden. Diese Insel liegt aber weit weg von Pylos und Kalamata. Die Handys wurden dann direkt konfisziert, ohne dass ihre Besitzer informiert oder ihnen Zugang dazu gew\u00e4hrt wurde. Und obwohl wir darum gebeten haben, unseren Mandanten ihre Handys zur\u00fcckzugeben, haben wir darauf keine Antwort erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat euch dazu bewogen, Strafanzeige gegen die K\u00fcstenwache zu erstatten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eEine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Untersuchung durch die griechischen Beh\u00f6rden ist sehr wichtig, damit die \u00dcberlebenden, aber auch die Angeh\u00f6rigen der vermissten Menschen, Gerechtigkeit finden.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Am 14. September haben wir im Namen von 40 \u00dcberlebenden Strafanzeige gegen alle Verantwortlichen beim Marinegericht von Pir\u00e4us erstattet. Wir, zusammen mit vier anderen Organisationen, fordern umfassende Untersuchung und Aufkl\u00e4rung des Ungl\u00fccks. Im Gespr\u00e4ch mit den \u00dcberlebenden haben wir zahlreiche Fehler festgestellt. Es war nicht einfach, mit allen \u00dcberlebenden zu sprechen. Sie standen unter enormen Schock und konnten nicht glauben, was mit ihnen passiert war. Eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Untersuchung durch die griechischen Beh\u00f6rden ist sehr wichtig, damit die \u00dcberlebenden, aber auch die Angeh\u00f6rigen der vermissten Menschen, Gerechtigkeit finden. Der griechische Staat und die europ\u00e4ischen Staaten haben die Verpflichtung, Menschen in Gefahr und Lebensbedrohung zu retten. Und in diesem Fall haben sie versagt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie stehen die Erfolgsaussichten einer solchen Klage?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Das l\u00e4sst sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen. Es handelt sich um eine laufende strafrechtliche Untersuchung. Es bleibt also noch abzuwarten, wie es weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist es das erste Mal, dass Sie eine solche Strafanzeige stellen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Wir haben bereits einmal eine \u00e4hnliche Klage eingereicht. Leider werden Strafanzeigen gegen die K\u00fcstenwache oder andere Beh\u00f6rden in der Regel ohne Gerichtsverfahren vom griechischen Justizsystem ad acta gelegt. Ein \u00e4hnlicher, bekannter Fall ist der Fall des Schiffsungl\u00fccks von Farmakonisi im Jahr 2014. Auch dies war ein t\u00f6dliches Schiffsungl\u00fcck. Es gab zun\u00e4chst eine Untersuchung in Griechenland. Aber der Fall wurde schnell, ohne Gerichtsverfahren geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also legten die \u00dcberlebenden mit unserer Unterst\u00fctzung Berufung am Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) ein. Acht Jahre sp\u00e4ter, am 7. Juli 2022, stellte das Urteil des EGMR fest, dass Griechenland Artikel 2 (Recht auf Leben) der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention sowie Artikel 3 (Verbot von Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung) in diesem Fall des Schiffsungl\u00fccks&nbsp;<a href=\"https:\/\/rsaegean.org\/en\/beyond-farmakonisi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">verletzt hat<\/a>. Das Gericht stellte fest, dass nach dem Schiffsungl\u00fcck keine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Untersuchung stattgefunden hat und dass die \u00dcberlebenden unzureichend behandelt wurden, was einem erniedrigenden Verhalten gleichkam.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eirini Gaitanou:<\/strong>&nbsp;Es muss nochmal betont werden: Pylos war ein \u00e4u\u00dferst tragisches Schiffsungl\u00fcck, aber es war kein Einzelfall. Wir haben als Organisation mindestens weitere vier F\u00e4lle von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang von Operationen der K\u00fcstenwache, die derzeit vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte anh\u00e4ngig sind. Es geht dabei um das Recht auf Leben und Verbots von Folter sowie unmenschliche und erniedrigende Behandlung. Alles F\u00e4lle, die im griechischen Justizsystem keine Gerechtigkeit gefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eMilitarisierung von Grenzkontrollen zeichnen sowohl die europ\u00e4ischen als auch die griechischen Asyl- und Migrationspolitiken aus und f\u00fchren zu Verletzungen der Grundrechte, und in zahlreichen F\u00e4llen zum Tod.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese ganze Situation steht nat\u00fcrlich auch im Zusammenhang mit der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.migazin.de\/2022\/07\/07\/griechenland-muss-fluechtlingen-330-000-euro-entschaedigung-zahlen\/\">Asyl- und Migrationspolitik Griechenlands und der EU<\/a>. Diese schlie\u00dfen Abschreckungspraktiken an den Grenzen mit ein, werden aber auch mit illegalen Praktiken wie Pushbacks kombiniert. Und nat\u00fcrlich existieren Politiken der externen Grenzkontrolle sowohl an den Grenzgebieten der EU als auch in L\u00e4ndern au\u00dferhalb der EU. Beispielsweise m\u00fcssen wir uns die Art und Weise ansehen, wie L\u00e4nder wie Libyen wirtschaftlich, milit\u00e4risch, politisch usw. unterst\u00fctzt werden. Politiken der Externalisierung und Militarisierung von Grenzkontrollen zeichnen sowohl die europ\u00e4ischen als auch die griechischen Asyl- und Migrationspolitiken aus und f\u00fchren zu Verletzungen der Grundrechte, und in zahlreichen F\u00e4llen zum Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist auch deshalb wichtig, weil nun auf EU-Ebene die Reform des Gemeinsamen Europ\u00e4ischen Asylsystems diskutiert worden ist. Die Diskussion darum st\u00e4rkt und legitimiert diese Politiken. Daher ist es wichtig zu betonen, dass wir eine radikale Ver\u00e4nderung in Bezug auf Asyl und Migration ben\u00f6tigen. Und nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit, auf legalem und sicherem Weg, Schutz suchen zu k\u00f6nnen. Denn das Grundrecht auf Asyl wird schon verletzt, wenn es erst gar keine M\u00f6glichkeit gibt, europ\u00e4ischen Boden zu erreichen, um den Asylantrag zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit welchen Schwierigkeiten sind die Familien der vermissten Personen nun konfrontiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Wir erhalten viele Anfragen von Angeh\u00f6rigen der vermissten Personen. Wir versuchen, ihnen bei der Kontaktaufnahme mit den griechischen Beh\u00f6rden und beim Identifikationsverfahren zu helfen. Es gibt viele Menschen, deren Leichen nie gefunden wurden. Die Beh\u00f6rden haben keine Anstrengungen unternommen, das Schiff Adriana zu lokalisieren und zu bergen. Wir haben daf\u00fcr eine Anfrage beim Gericht in Kalamata eingereicht, auch um alle fotografischen und videografischen Beweise vom Schiff selbst zu sammeln. Bisher gab es keine Antwort auf diese Anfrage. Die Beh\u00f6rden berufen sich auf das Argument, dass das Schiff an einer sehr tiefen Stelle im Meer untergegangen ist, was zwar stimmt, aber zuvor wurde sich dieser Stelle schon einmal angen\u00e4hert. Das ist auch eine Forderung der Angeh\u00f6rigen: die Bergung des Schiffes, um zumindest ein paar Informationen \u00fcber das Schicksal ihrer Familienmitglieder zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eBei Identifikationsprozessen der Vermissten treten systematisch M\u00e4ngel und L\u00fccken auf. Es gibt keine standardisierten Verfahren.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Eirini Gaitanou:<\/strong>&nbsp;Bei Identifikationsprozessen der Vermissten treten systematisch M\u00e4ngel und L\u00fccken auf. Es gibt keine standardisierten Verfahren, um mit den Beh\u00f6rden zu kommunizieren und ordnungsgem\u00e4\u00dfe Identifikationsverfahren f\u00fcr die Vermissten durchzuf\u00fchren. F\u00fcr die Identifizierung der Vermissten und der Toten reichen die Protokolle nicht aus. Wir haben viele F\u00e4lle, in denen keine DNA entnommen worden ist, oder andere F\u00e4lle, in denen die Angeh\u00f6rigen nicht wissen, wie sie ihre Verwandten finden k\u00f6nnen. In dem Fall von Pylos gab es zuerst eine Telefonleitung vom Roten Kreuz und dann vom Ministerium f\u00fcr Migration. Aber wir haben keine Informationen dar\u00fcber erhalten, wie es weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt systematische M\u00e4ngel in den Verfahren nach Schiffsungl\u00fccken oder bei anderen Ereignissen von Grenzgewalt. Im Zuge von Such- und Rettungsverfahren kommt es zu regelm\u00e4\u00dfigen Vers\u00e4umnissen oder unrechtm\u00e4\u00dfigen Handlungen. Aber die M\u00e4ngel zeigen sich auch in den Ermittlungen nach solchen Vorf\u00e4llen, der Art und Weise, wie die Zeugen angeh\u00f6rt werden, wie Beweise gesammelt und erfasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind die Forderungen der \u00dcberlebenden und den Angeh\u00f6rigen der Vermissten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eleni Velivasaki:<\/strong>&nbsp;Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr alle \u00dcberlebenden sprechen, aber die Mehrheit der von uns vertretenen Mandanten fordert Gerechtigkeit f\u00fcr das, was ihnen passiert ist. Auf der einen Seite ist es f\u00fcr sie sehr wichtig, mit ihrem Leben weiterzumachen. Es ist aber auch wichtig f\u00fcr sie, dass sie die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Geschehnisse erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Angeh\u00f6rigen der Vermissten m\u00f6chten Frieden finden, zumindest indem sie wissen, dass der K\u00f6rper ihrer Verwandten gefunden wurde oder indem sie erfahren, was in der Nacht des Schiffbruchs passiert ist. So ist es f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der Vermissten sehr schwer, mit ihrer Trauer umzugehen, wenn sie \u00fcberhaupt keine Informationen erhalten. Sie k\u00f6nnen nicht trauern. Sie k\u00f6nnen nicht verstehen, was passiert ist. Sie leben in einem fortw\u00e4hrenden Trauma.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. Juni ereignete sich eines der t\u00f6dlichsten Schiffsungl\u00fccke im Mittelmeer. Die griechische K\u00fcstenwache soll ma\u00dfgeblich dazu beigetragen haben. Mehrere Organisationen haben Klage erhoben. Eirini Gaitanou und Eleni Velivasaki berichten im Gespr\u00e4ch \u00fcber den aktuellen Stand der Ermittlungen und die Situation der \u00dcberlebenden. *Wiederver\u00f6ffentlicht von MiGAZIN Am 14. 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