{"id":3239,"date":"2024-05-16T21:02:02","date_gmt":"2024-05-16T21:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/captainsupport.net\/freepylos9\/?p=3239"},"modified":"2024-05-16T21:02:04","modified_gmt":"2024-05-16T21:02:04","slug":"die-sundenbocke-von-pylos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/captainsupport.net\/freepylos9\/die-sundenbocke-von-pylos\/","title":{"rendered":"Die S\u00fcndenb\u00f6cke von Pylos"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hunderte Fl\u00fcchtende ertranken vergangenen Juni vor der griechischen K\u00fcste. Obwohl die Verantwortung der Beh\u00f6rden dokumentiert ist, m\u00fcssen sich neun \u00dcberlebende kommende Woche f\u00fcr die Schiffskatastrophe vor Gericht verantworten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2420\/fluechtlingspolitik\/die-suendenboecke-von-pylos\/!NA9KC9JX620D\">*Erstmals ver\u00f6ffentlicht auf WOZ<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/p\/anna-jikhareva\">Anna Jikhareva<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.woz.ch\/files\/styles\/480w\/public\/text\/2024\/2420_09_Pylos_web.jpg?itok=r9u3-qDX\" alt=\"Schiff \u00abAdriana\u00bb \" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nur 104 der \u00fcber 700 Passagier:innen \u00fcberleben den Untergang der \u00abAdriana\u00bb im Juni 2023. Die&nbsp;griechische K\u00fcstenwache hat das in Not geratene Schiff stundenlang beobachtet.&nbsp;Foto: Keystone<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Es ist 2.06 Uhr, als die Odyssee der \u00abAdriana\u00bb achtzig Kilometer von der griechischen Hafenstadt Pylos entfernt ein tragisches Ende nimmt. Hunderte Passagier:innen des heillos \u00fcberf\u00fcllten Fischkutters ertrinken, darunter viele Frauen und Kinder; nur 82&nbsp;werden tot aus den Fluten geborgen. Der Schiffbruch vom 14.&nbsp;Juni 2023 ist nicht nur eine der t\u00f6dlichsten Trag\u00f6dien im Mittelmeer in den letzten Jahrzehnten. Es ist auch eine, die nach allem, was man weiss, h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den \u00fcber 700&nbsp;Fl\u00fcchtenden an Bord haben 104 die Katastrophe im Ionischen Meer \u00fcberlebt. Neun davon werden am Tag nach ihrer Ankunft an Land verhaftet, einige m\u00fcssen direkt vom Spital zum Verh\u00f6r. Die Staatsanwaltschaft wirft den M\u00e4nnern aus \u00c4gypten diverse Vergehen vor&nbsp;\u2013 von der \u00abBeihilfe zur illegalen Einreise\u00bb \u00fcber die Verursachung des Schiffbruchs bis zur \u00abMitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung\u00bb und der illegalen Einreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommenden Dienstag soll in Kalamata auf dem Peloponnes der Prozess gegen die \u00abPylos\u20099\u00bb stattfinden&nbsp;\u2013 sofern er nicht in letzter Minute verschoben wird. Bei einer Verurteilung drohen den Angeklagten mehrfach lebensl\u00e4ngliche Haftstrafen. Das Verfahren ist ein Paradebeispiel f\u00fcr die Kriminalisierung fl\u00fcchtender Menschen als \u00abSchlepper\u00bb&nbsp;\u2013 eine Praxis, die in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat. Ein Beispiel aber auch f\u00fcr die Gewalt des europ\u00e4ischen Grenzregimes.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00abDie \u00c4g\u00e4is ist praktsich dicht\u00bb<\/h4>\n\n\n\n<p>Einer, der zur Verantwortung f\u00fcr den Tod so vieler Menschen einiges zu sagen hat, weil er die letzten Stunden der \u00abAdriana\u00bb genau kennt, ist Stefanos Levidis. Der Grieche ist Mitglied des Berliner Recherchekollektivs Forensis, das dort genau hinschaut, wo andere etwas verstecken wollen. Gemeinsam mit Journalist:innen internationaler Medien hat Forensis Trackingdaten, Satellitenbilder, Logbucheintr\u00e4ge und Luftaufnahmen ausgewertet und Gespr\u00e4che mit \u00dcberlebenden gef\u00fchrt. Daraus entstanden ist eine akribische Rekonstruktion der Katastrophe. \u00abDer Schiffbruch von Pylos ist eine direkte Folge des europ\u00e4ischen Grenzmanagements\u00bb, fasst Levidis die politischen Schl\u00fcsse aus der Recherche eines Nachmittags im Zoom-Call zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 7. Juni nimmt die \u00ad\u00abAdriana\u00bb von der ostlibyschen Stadt Tobruk aus Kurs auf die italienische K\u00fcste&nbsp;\u2013 obwohl es deutlich n\u00e4here Anlaufstellen g\u00e4be, die Insel Kreta etwa ist bloss 360&nbsp;Kilometer entfernt. \u00abDie Menschen sind gezwungen, sich auf l\u00e4ngere, gef\u00e4hrlichere Routen zu begeben, weil die \u00c4g\u00e4is praktisch dicht ist\u00bb, sagt Levidis. Er verweist auf die von Forensis und vielen anderen Menschenrechtler:innen vielfach dokumentierte illegale Pushbackpraxis der griechischen Beh\u00f6rden: Sie \u00fcberlassen Gefl\u00fcchtete auf im Meer treibenden Plattformen oder unmotorisierten Booten sich selbst oder schieben sie \u00fcber die Grenze ab, ohne ihre Asylantr\u00e4ge zu pr\u00fcfen. Auch der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte hat das Vorgehen ger\u00fcgt: 2022 verurteilte er Griechenland in einem wegweisenden Urteil f\u00fcr den Tod von Gefl\u00fcchteten bei einer Pushbackoperation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik, deren Vertreter:innen daf\u00fcr sorgen, dass sich Menschen in \u00fcberf\u00fcllte Boote setzen, das ist der gr\u00f6ssere Kontext, in dem die Schiffskatastrophe von Pylos zu sehen ist. Doch es gibt auch eine direkte Verantwortung&nbsp;\u2013 auch das haben Levidis und sein Team dokumentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Demnach hat die griechische K\u00fcstenwache dem in Seenot geratenen Boot nicht bloss die Hilfe verweigert; mit dem Versuch, ein Abschleppseil an Bord zu befestigen, um die \u00abAdriana\u00bb in italienische Gew\u00e4sser und damit aus der eigenen \u00abSuch- und Rettungszone\u00bb herauszuziehen, soll sie den Kutter \u00fcberhaupt erst zum Kentern gebracht haben. \u00abDas vielleicht Unmenschlichste an der ganzen Geschichte ist, dass die K\u00fcstenwache dann trotz ihrer Verantwortung f\u00fcr das Kentern erst mal \u00fcber eine halbe Stunde wartete, bis sie mit der Rettung begann\u00bb, sagt Spyros Galinos von \u00abFree\u2009Pylos\u20099\u00bb, einer Unterst\u00fctzungskampagne f\u00fcr die Angeklagten. \u00abStatt zu helfen, sahen sie den Menschen beim Ertrinken zu.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fcstenwache hat die Vorw\u00fcrfe stets zur\u00fcckgewiesen. Dabei haben inzwischen nicht nur diverse Untersuchungen, darunter eine des Europ\u00e4ischen B\u00fcrgerbeauftragten, viele davon best\u00e4tigt; nach und nach f\u00f6rderten auch Medienberichte immer neue Horrordetails ans Licht. \u00abAus der Luft und vom Meer aus, mithilfe von Radar, Telefon und Funk beobachteten und h\u00f6rten die Beamten dreizehn Stunden lang, wie das Schiff Adriana den Antrieb verlor und dann ziellos vor der griechischen K\u00fcste trieb, eine sich langsam entwickelnde humanit\u00e4re Katastrophe\u00bb, schrieb etwa die \u00abNew York Times\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anklage gegen die Pylos\u20099 st\u00fctzt sich indes auf Aussagen von \u00dcberlebenden, wonach die \u00c4gypter Aufgaben an Bord \u00fcbernommen haben sollen, etwa das Verteilen von Wasser. Aktivist Galinos zufolge war die Ermittlung von Anfang an h\u00f6chst problematisch: \u00abDie gleiche K\u00fcstenwache, die f\u00fcr den Schiffbruch verantwortlich war, f\u00fchrte auch die Befragungen durch\u00bb, kritisiert er. F\u00fcr den griechischen Staat sei es ein wichtiger Fall: Statt die Vergehen und Unterlassungen der K\u00fcstenwache zu untersuchen, wolle man die Schuld den Pylos\u20099 in die Schuhe schieben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr ein Leben in W\u00fcrde<\/h4>\n\n\n\n<p>Eleni Spathana k\u00e4mpft derweil daf\u00fcr, dass die Handlungen der K\u00fcstenwache nicht unges\u00fchnt bleiben. Gemeinsam mit vier anderen Organisationen hat die Anw\u00e4ltin von Refugee Support Aegean im September beim Marinegericht in Pir\u00e4us die ersten von insgesamt 53&nbsp;Strafanzeigen gegen sie eingereicht. \u00abDie \u00dcberlebenden, die wir vertreten, fordern Gerechtigkeit, n\u00e4mlich dass die f\u00fcr den Schiffbruch und den Tod Hunderter Menschen Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden\u00bb, sagt sie. Die Frage nach der Verantwortung verbinde ihren Fall auch mit dem Prozess in Kalamata. Besonders skandal\u00f6s findet Spathana, dass die K\u00fcstenwache so lange keine Rettungsoperation eingeleitet habe. Derzeit liegt die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft; eine Entscheidung, ob sich das Gericht des Falles annimmt, ist nicht vor dem Sommer zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der anstehende Prozess l\u00e4sst sich am besten im Kontext einer Praxis begreifen, die aus Griechenland und anderen EU-L\u00e4ndern bekannt ist: Immer mehr Fl\u00fcchtende werden in rechtsstaatlich h\u00e4ufig fragw\u00fcrdigen Schnellverfahren als \u00abSchmuggler\u00bb verurteilt. Allein in Griechenland wurden im Jahr&nbsp;2022 gem\u00e4ss einer Studie von Borderline Europe 1374&nbsp;Menschen unter dem Vorwurf des Schmuggels verhaftet. Die Studie hat Dutzende griechische Schleppereiprozesse untersucht: Durchschnittlich dauere ein Verfahren knapp eine halbe Stunde, die verh\u00e4ngte Haftstrafe betrage im Mittel 46&nbsp;Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abSchutzbed\u00fcrftige und verzweifelte Menschen, die ihr Leben auf einem Schiff riskieren, weil Europa auf legalem Weg nicht erreichbar ist, werden wie Kriminelle behandelt und riskieren Haftstrafen von mehreren Hundert Jahren\u00bb, kritisiert Juristin Spathana. Oft erhielten die Angeklagten weder juristische Unterst\u00fctzung noch grundlegende Dinge wie eine \u00dcbersetzung. Eine der grossen Fragen rund um den Prozess sei deshalb, ob dieser fair verlaufen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzliche Kritik \u00fcbt auch Maro Lazarou, Aktivistin beim Alarmphone, das Notrufe von Fl\u00fcchtenden entgegennimmt. Vertreter:innen der Initiative waren es, die die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden \u00fcber die Seenot der \u00abAdriana\u00bb informierten. \u00abDie K\u00fcstenwache sagte uns, das Boot wolle keine Hilfe\u00bb, erz\u00e4hlt Lazarou. Dabei sei es gerade umgekehrt gewesen: Mehrfach h\u00e4tten die Passagier:innen um Unterst\u00fctzung gebeten. Als sie am Abend des 13.&nbsp;Juni schlafen gegangen sei, habe sie Schlimmes geahnt. \u00abWir haben in den letzten Jahren eine stetige Zunahme staatlicher Gewalt gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten beobachtet&nbsp;\u2013 es war also nur eine Frage der Zeit, bis eine solche Katastrophe passiert.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterst\u00fctzer:innen der Pylos\u20099 fordern nicht nur einen Freispruch f\u00fcr die Angeklagten, sondern auch eine Aufarbeitung. \u00abDie systematische Gewalt an Europas Aussengrenzen l\u00e4sst sich nur stoppen, wenn die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden\u00bb, sagt Spyros Galinos. Stefanos Levidis von Forensis wird im Prozess als Sachverst\u00e4ndiger aussagen. Auf die Frage, wie Gerechtigkeit f\u00fcr ihn aussehen k\u00f6nnte, nennt er auch Reparationszahlungen an die Opfer, \u00abdamit sie ihr Leben in W\u00fcrde fortsetzen k\u00f6nnen\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der \u00dcberlebenden sind inzwischen in andere L\u00e4nder weitergereist, die verbliebenen ersuchten in Griechenland um Asyl. Mehrere von ihnen haben bereits einen negativen Bescheid erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hunderte Fl\u00fcchtende ertranken vergangenen Juni vor der griechischen K\u00fcste. 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